Ich widme diese Seiten der Erinnerung an einen Menschen, den Liedermacher und Querkopf Gerhard Gundermann, den ich  eigentlich nur zufällig
im Rahmen meiner Arbeit als einer der Redakteure der Betriebszeitung "Das Kollektiv", kennen lernte.
Anfangs war Gerhard Gundermann für mich insbesondere deshalb interessant, weil ich die aufgeregten Debatten um seine Person in den Versammlungen der SED-Genossen, insbsondere unter den Parteisekretären mit verfolgen konnte und ich mich als Zeitungsredakteur fragte, was das denn dort für einer hätte sein können, der da " funktionell nur als Baggerfahrer" in einem Braunkohlentagebau nahe Hoyerswerda so eine Austrahlung hatte und unter den sonst Unantastbaren einen solchen  heftigen Wirbel zu verursachen vermochte. Mein erster Eindruck von ihm war erwartungsgemäß falsch.
Gerhard Gundermann war letztendlich in meinem Leben die tiefgreifendste Lektion für mich gewesen, dass man Menschen niemals nach ihrem Äußerem, nach Gerüchten oder dem Geschwätz anderer beurteilen darf und dass Vorurteile niemals zu realen Einschätzungen führen können.

Insbesondere seine Absicht, die "Bonzen da oben bloßzustellen" und vor allem die Partner, die er sich dafür suchte, waren utopisch und hochgefährlich im aktuellen System in der DDR. Damals kam es zu der folgenschweren Unterschrift als IM für die Staatssicherheit. Ich bin heute der festen Meinung, dass er diese Unterschrift unter der Verpflichtung als IM in ihrer ganzen Tragweite nie erkannt hatte, auch später nicht, als er sich nach der politischen Wende dazu bekannte. Er erkannte zwar schließlich, dass er seine Ziele und Absichten mit der Stasi als Partner nicht durchsetzen konnte, sondern nur Unschuldige ins Unglück stürzte, aber er hatte den Mut, den viele andere nicht hatten und verweigerte daraufhin die weitere Zusammenarbeit als IM. Das unterscheidet ihn von der großen Masse der IM's! Sich dem MfS nach einer gegebenen Verpflichtung trotzdem zu verweigern, bedeutete aber auch, sich vollends in Probleme zu bringen.

Nach der politischen Wende fand seine kritisch-poetische Analyse der Wiedervereinigung und ihrer Folgen für Ostdeutschland meine Hochachtung, sowie seine ungeschminkte Selbstkritik zu seiner zeitweisen Arbeit als IM nicht selbst schon gesprochen zu haben.

Wir hatten in den Jahren 1984 - 1990 zwar selten aber doch regelmäßig Kontakt miteinander - und wenn es überwiegend nur Telefonkontakt war. Mit Erstaunen und Anerkennung nahm ich zur Kenntniss, dass selbst einige Titel für das Album "Februar" der außerordentlich populären Gruppe Silly (Frontsängerin Tamara Danz) 1989 aus seiner Feder stammten.

Die politische Wende veränderte alles, sein Leben und auch das meine. Besonders wichtig war ihm die Auseinandersetzung mit Themen wie Ausbeutung, Mensch, Natur, Ökologie sowie Armut und Reichtum. Aus seinen melancholischen Texten war zu erkennen, dass er seiner naiven politischen Kindhaftigkeit entwachsen war.

Nach 1990 bis 1998 sahen wir uns leider nur noch selten, vielleicht insgesamt nur noch drei oder vier Mal in all den acht Jahren, trotzdem verfolgte ich die wenigen Berichte in den Medien interessiert, sein starkes Engagement für die Menschen im Osten Deutschlands, seine Aktivität für die Vereinigten Linken und seine persönliche Identifikation mit den Problemen der Menschen im Lausitzer Revier und in der ehemaligen DDR überhaupt. Ein letztes Mal sprachen wir telefonisch Anfang 1998 miteinander, er war inzwischen kein Baggerfahrer mehr, der Tagebau Spreetal war stillgelegt worden und er erzählte mir, dass er nun den Beruf des Tischlers erlernte, aber einfach nur Künstler zu sein und etwas leichter von seiner Musik leben, das wollte er nicht. Es gab damals keinerlei gesundheitliche Voranzeichen dafür, dass Gerhard Gundermann nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Wer hat normalerweise auch einen Gedanken daran, dass ein scheinbar gesunder Mann von nicht einmal 45 Jahren versterben könnte ?

Gerhard Gundermann starb in der Nacht zum 21. Juni 1998 für alle, die ihn kannten, völlig überraschend mit nur 43 Jahren in seinem Wohnort Spreetal (Sachsen) an einem Hirnschlag, wahrscheinlich als Folge des exzessiven Raubbaus, den er selbst an seiner Gesundheit betrieb. Seine Maxime, nicht von der Kunst, sondern von „echter Arbeit“ zu leben, um eine kommerzielle Vermarktung seiner Lieder zu verhindern, führte zu einem übermäßig anstrengenden Lebenswandel mit extrem wenig Schlaf. Oftmals fuhr er von einem seiner dreistündigen Konzerte direkt zur Schicht oder umgekehrt, ohne sich eine Pause zu gönnen. Die Möglichkeit sich mit seiner Musik ein weniger hektisches Leben, finanziell besser abgesichert und in etwas mehr Ruhe, nutzte er bewußt aus den bereits genannten Gründen nicht.  Diese Umstände trugen wahrscheinlich maßgeblich zu seinem frühen, plötzlichen Tod bei.

Gundi-Grabstein

Als ich die Nachricht von seinem Tod an einem Montag Nachmittag, das war am 22. Juni 1998 via Telefon von meiner Frau erhielt, war ich gerade in hessischen Flörsheim am Main und hielt mich dort zum Zwecke einer Arbeitsberatung im Stammwerk meines damaligen Arbeitgebers auf.


Ich war zutiefst betroffen und bedauerte es aufrichtig, nicht mehr Zeit für Gespräche und Diskussionen mit ihm gehabt zu haben. In den alten Bundesländern blieb Gerhard Gundermann leider gänzlich unbekannt. Das lag sicher auch daran, dass die Menschen in den alten Bundesländern keinen Bezug zu seinen Liedertexten fanden, wir aus der ehemaligen DDR aber schon.

Er hinterließ eine Frau und vier Kinder. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Hoyerswerda. Seit 1999 hält ein eingetragener Verein "Gundermanns Seilschaft e.V." in Hoyerswerda das Andenken an ihn wach.