Wahnsinn, das ist ja eine so wunderschöne Stadt,

                                               wie man sie "hier hinten" gar nicht mehr vermutet!*

                                                                         

                                                                                                            * spontaner Ausruf eines "West"-Besuchers, dem ich 1990 das alte Görlitz zeigte





Görlitz liegt in der niederschlesischen Oberlausitz, am westlichen Ufer der Neiße. Nach Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau und Plauen ist Görlitz die sechstgrößte Stadt des Freistaates Sachsen. Der östlich der Neiße gelegene wesentlich kleinere Teil der Stadt wurde durch die Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg abgetrennt und bildet seitdem die eigenständige, polnische Stadt Zgorzelec.


Görlitz ist reich an Geschichte. Die Stadt wurde 1071 erstmals als Ort erwähnt. Görlitz gehörte der Markgrafschaft Oberlausitz und darin dem Oberlausitzer Sechsstädtebund an. Ab 1520 wurde schrittweise die Reformation eingeführt. 1547 war die Stadt vom Oberlausitzer Pönfall betroffen. Die Stadt litt im Dreißigjährigen und im Siebenjährigen Krieg, als sie während der Schlacht von Moys schwer beschädigt wurde. 1635 kam die Stadt zu Sachsen.
Am 1. Juni 1816 kam Görlitz im Gefolge der Beschlüsse des Wiener Kongresses zur preußischen Provinz Schlesien. Hier wurde sie Sitz des gleichnamigen Kreises innerhalb des Regierungsbezirks Liegnitz. Bereits am 1. September 1847 erhielt Görlitz Bahnanschluß nach Dresden und über eine Zweigbahn an die Strecke von Berlin nach Breslau. Am 31. Dezember 1867 wurde die Eisenbahn nach Berlin (zum dortigen Görlitzer Bahnhof) eröffnet. Am 1. Juli 1873 wurde Görlitz ein eigener Stadtkreis, blieb aber weiterhin Sitz des Landkreises Görlitz. Im Jahre 1916 wurde in der Stadt Görlitz das 4. griechische Armeekorps unter Oberst Chatzopoulos interniert.

Görlitz ist eine Stadt mit großer Vergangenheit und besitzt einem exzellenten Schatz an alten Häusern und Bauten. Görlitz ist ein historisches Kleinod allererster Güte! Was aber viele nicht wissen, das hätte auch ganz anders kommen können.
Das dies so ist, verdankt die Stadt wahrscheinlich einem fast unglaublichen Zufall, der bis 1990 gar nicht so ins Bewußtsein gelangte.

Görlitz soll im 2. Weltkrieg nur "durch ein Versehen" verschont geblieben sein, denn gerade deutsche Städte mit hoher Altstadt-Sbstanz, die "wie Zunder brannten", waren die ja erklärten Ziele der anglo-amerikanischen Bomberflotte.  Damit hätte die Struktur und die Bausubstanz haargenau in das "Beute-Schema" der britischen Area Bombing Directive gepasst! Auf der Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 vereinbarten die Alliierten auf Drängen der Sowjetunion weitere westliche Terrorangriffe, darunter auch die auf Dresden und andere Städte im sächsischen Raum. Sie sollten ein wichtiges Produktions- und Verkehrszentrum hinter der Ostfront funktionsuntüchtig machen und so weitere Truppentransporte verhindern. Zugleich sollten sie Evakuierungen erschweren, die Rote Armee von Gegenangriffen entlasten und so das sowjetische Vorrücken erleichtern. Damit wäre auch Görlitz mit absoluter Sicherheit "fällig gewesen", wenn die anglo-amerikanische Generalität entsprechendes Kartenmaterial besessen hätte! Für Sir Arthur Travers Harris, Bt., genannt Bomber-Harris, wäre Görlitz ein exzellentes Ziel gewesen, wenn er davon Kenntniss gehabt hätte. Sir Arthur Harris war Commander-in-chief des RAF Bomber Command und ab 1943 Air Chief Marshal der Royal Air Force. Er ist auch heute noch wegen der von ihm angeordneten Flächenbombardements deutscher Städte umstritten.

Görlitz war aber auf keiner Karte der englischen und amerikanischen Luftwaffen-Generalität eingezeichnet. Als Grundlage dienten den anglo-amerikanischen Bombern sowohl Karten englischer Herkunft als auch deutsche Karten, die auf den verschiedensten Wegen in den Besitz der Briten und Amerikaner gelangt waren. Auf all diesen Karten fehlte die Stadt Görlitz ! Warum auch die faschistische Luftwaffe keine Luftbilder von Görlitz besaß und selbst späterhin keine anfertigte, ob Görings Stab das einfach nur verschlafen hatte, oder warum auch immer, das kann bis heute nicht mehr eindeutig geklärt werden. Eine strategisch wichtige Waffenproduktion befand sich in der "Pensionärsstadt" Görlitz nicht, ebensowenig andere geheime Objekte der Nazis. Es gab keine Notwendigkeit, die Stadt geheimer zu behandeln, als Dresden, Bautzen, Zittau oder andere Städte in diesem Raum.  Ob nun Fehler oder nicht, jedenfalls hatten damit auch die Allierten im 2. Weltkrieg keine auswertbaren Karten und Luftbilder von Görlitz, wie z.B. im Falle Dresdens und Magdeburgs. Diese Stadt existierte damit für die feindlichen Bomber einfach nicht.

Das war wahrscheinlich das größte Glück für Görlitz in seiner ganzen Geschichte seit 1071!

Keine einzige Bombe traf je das innere Stadtgebiet. Ein oder zwei irrtümlich abgeworfene Bomben richteten vergleichsweise wenig Schaden in der Umgebung der Stadt an. Mehr nicht! Einem englischen Piloten, der sich im Nebel verflogen hatte und dann völlig überrascht unter sich etwas sah, was es eigentlich lt. dem ihm bekannten Kartenmaterial gar nicht geben konnte, wurde in England Alkoholeinfluß während des Fliegens unterstellt, weil dessen Beschreibungen eher auf Budapest oder eine andere große Stadt  an einem Fluß passten, als auf eine Stadt dort "hinten" irgendwo in Schlesien.  Letztendlich widerrief der Pilot sich selbst und akzeptierte eine zeitlich begrenzte Dientstrafe wegen Alkoholgenusses, um nicht auch noch seine Lizenz als Pilot auf ewig zu verlieren. Ob diese ganze Geschichte, vielleicht auch nur ein Teil von dieser, nun Mythos oder Wahrheit ist, für die Stadt war sie doch existentiell entscheidend und den Görlitzern und ihrer Stadt blieb ein ähnliches grausiges Schicksal wie Dresden, Magdeburg, Hamburg, Lübeck und vielen anderen deutschen Städten erspart.

Alles was dann 1989 in Görlitz an Bausubstanz zerstört war - und das war erschreckend viel, das war der Zahn der Zeit und die mangelnde Pflege der aufwendigen Bausubstanz wegen ewig klammer Kassen. Kurz vor der Wende waren ganze Straßen, wie z.B. die Jacobstraße, so gut wie leergezogen und von den DDR-Behörden bereits zum Abriß vorgesehen. Die eigentliche Altstadt war zu dem Zeitpunkt bereits total verfallen und scheinbar nicht mehr zu retten. Ohne die politische Wende wäre die halbe Stadt wahrscheinlich weggesprengt worden. Diese Meinung hört man bei den Görlitzern heute nahezu einhellig. 1989 war es in Görlitz buchstäblich eine Minute vor Untergang !

Es gibt in Deutschland nur sehr wenige in ihrer Einwohnerzahl mit Görlitz vergleichbare Städte, die eine solche Dichte von gut erhaltenen Baudenkmälern verschiedenster Epochen aufweisen können.  Darin liegt aber auch gleichzeitig das Problem der Stadt, die zäh darum kämpft ihre historischen Baudenkmäler zu erhalten und ggf. wieder herzustellen. Görlitz besitzt eine der am besten erhaltenen Altstädte Mitteleuropas. Die Altstadt und die Nikolaivorstadt sind überwiegend von Bebauung aus dem Mittelalter sowie aus der Zeit der Renaissance und des Barock geprägt. Die Innenstadt ist ein Gründerzeitviertel mit vollständig geschlossenen Gründerzeit- und Jugendstil-Straßenzügen. Görlitz ist die Stadt mit den meisten separat geschützten Denkmälern in Deutschland. Hinzuweisen ist auf die Peterskirche sowie den Ober- und Untermarkt mit ihren Renaissancefassaden.

Das dokumentieren die APS-Fotos zum Teil noch, denn bis 1995 /1999 war der größte Teil des Verfalls noch nicht beseitigt. Es ist bei einer solchen Fülle an Baudenkmälern auch nahezu unmöglich "mal fertig zu werden". Wenn man hinten angekommen ist, fängt man vorne wieder mit der Erhaltung von Gebäuden die Jahre zuvor saniert wurden. Eindrucksvoll belegen einige Bilder an einzelnen Gebäuden, in welchem Zustand sich fast die ganze Stadt befand. Umso eindrucksvoller werden die Bilder des neuen Albums zeigen, welche Anstrengungen Görlitz unternommen hat, um seine baulichen Schätze zu erhalten. Eine mysteriöse Millionenspende, die seit 1990 pünktlich einmal im Jahr von einem unbekannten Spender in die Kassen der Stadt fließt, trägt wesentlich dazu bei, dass die Altstadt von Görlitz wieder schöner entsteht, als jeh zuvor.

Ich war beim erneuten Anschauen der digitalisierten Farbnegative des APS-Formates sichtlich über die schlechte Qualität der Fotos erschrocken. Ich meine, dass wohl die schlechteste Digitalkamera der heutigen Zeit bessere Files abliefert, als damals vor ca. 10 bis 13 Jahren aus dem APS-Scanner heraus kamen. Zuerst habe ich überlegt, ob ich die Fotos überhaupt hier einstellen soll oder nicht - doch wenn man die enorme Aufbauleistung begreifen will, die in Görlitz nach der Wende stattgefunden hat, muß man diese Bilder kennen. Der Verfall, dem die Stadt anfangs ausgeliefert war und der auch heute noch extrem hohe und besondere Anforderungen an die Pflege der Baussubstanz stellt - das wird nur deutlich, wenn man die alten Aufnahmen sieht. Ich muss Sie deshalb herzlichst bitten, die extrem schlechte Qualität der Bilder zu tolerieren. Danke.

Ich wollte deshalb die Bilder der Stadt Görlitz in ein "altes" und ein "neues" Album unterteilen. Neu wäre das Gegenwärtige, das zweifellos interessantere Album, was fortan wachsen sollte. Alt ist das Vergangene, das Album vom damaligen Zustand, ohne das man aber das Neue nicht verstehen kann. Leider gibt es bisher kein "neues" Album. Seit die EU-Grenze nicht mehr existiert und das Schengener Abkommen auch hier gilt habe ich ein Problem damit, u.U. mein Auto in Görlitz nicht mehr dort vorzufinden, wo ich es zum Fotografieren abgestellt habe. Denn die neue Freiheit und die quasi nicht mehr vorhandene Grenze nutzen leider nicht nur die Guten.



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